BSC YB – FC St. Gallen 3:2 (1:1)

2. April 2019 um 13:46 von Questra in der Kategorie Matchbericht, Spielerbewertungen, YB

Es gibt sie, diese Kapitäne, die ohne Binde um den Arm die Leader auf dem Platz sind. Sie waren die Pfeiler der letztjährigen Meistermannschaft und sie sind es auch beim designierten Meister dieses Jahres. Ihre Wichtigkeit merkt man meist erst, wenn sie nicht spielen. Diese Pfeiler bei YB sind neben von Bergen, Sanogo, Sulejmani und Hoarau. Als in der Rückrunde einer nach dem anderen nicht mehr spielte, kam der YB-Motor ins stocken.

Einer spielt vermutlich nie wieder für YB, Sanogo wird aber bei den Saudis kaum glücklich. Ein anderer spielt diese Saison kaum mehr, die Genialität Sulejmanis wird aber schmerzlich vermisst. Immerhin kamen am Sonntag von Bergen und Hoarau wieder von Beginn zum Einsatz und sie beide werden wie Wein im Alter noch besser. Dass von Bergen Sprints gegen 15 Jahre jüngere Gegenspieler gewinnt ist eindrücklich. Seine Abgeklärtheit vor dem eigenen Tor ist unerreicht. Wie er seine Mitspieler dirigiert und auf dem Feld wie ein Trainer denken kann, machen ihn so unglaublich wertvoll. Neben ihm können Wüthrich, Camara oder Lauper reifen.

Und vorne steht dieser Turm, cooler als mancher Inuit. Allein seine Präsenz auf dem Feld ist ein halber Sieg. Guillaume Hoarau, der Mann aus La Réunion, der es wie kein anderer versteht die Mannschaft zu vereinen. Und der mit seiner Torgarantie gegen jeden Gegner der Superleague den Unterschied ausmachen kann.

Im Jahr 2019 wird den Berner Young Boys nichts geschenkt. Seit dem Jahreswechsel ist jedes Spiel ein Kampf, jeder Punkt muss sich hart verdient werden. Während im goldenen Herbst die Tore fielen wie die reifen Äpfel in Bauers Garten, ist das Erzielen ebendieser in Stocken geraten wie der alte Traktor des gleichen Bauers.

Auch im Spiel gegen den FC St. Gallen wollte zu Beginn nicht wirklich viel Zählbares gelingen. Bei beiden Mannschaften siegte Kampf über Kreativität. Die beiden dreier Mittelfelder neutralisierten sich gegenseitig so gut, dass von ihnen keine spielgestaltenden Ideen ausgehen konnten. So waren Szenen vor den beiden Toren rar. Ein erstes Mal entstand etwas wie Gefahr nach einem Rückpass von Grégy Wüthrich, der zusammen mit Steve von Bergen die Innenverteidigung bilden durfte: David von Ballmoos konnte den Ball nicht richtig kontrollieren, stolperte kurz darüber und konnte ihn dann noch rechtzeitig mit der Fussspitze aus der Gefahrenzone befördern. Das war aber lange die grösste Aufregung im Spiel.

Als sich Guillaume Hoarau den Ball 25 Meter vor dem Tor für einen Freistoss aus gefährlicher Distanz hinlegen durfte, hofften 31‘120 Augenpaare im ausverkauften Wankdorf auf einen ersten Geniestreich des zu lange verletzten Goalgetters; sein erster Abschluss war für Stojanovic im Tor der Espen aber keine richtige Prüfung. Dass im direkten Gegenzug der Ball ein erstes Mal im YB-Netz zappelte, war äusserst unglücklich. Tafer verstolperte einen Ball, welcher direkt vor den Füssen Bakayokos liegen blieb, ein platzierter Schuss und von Ballmoos war mit dem ersten Abschluss geschlagen. Nicht, dass der Führungstreffer gestohlen gewesen wäre, aber er war weder zwingend noch nötig.

Das Aufbäumen der Berner blieb danach aus. Es brauchte geniale zehn Sekunden der halben Mannschaft um zum Ausgleich zu kommen. Mbabu, Aebischer und Assalé tankten sich auf der Seite durch. In einer seiner besten Szenen konnte der kleine Flügel den Ball in die Mitte zu Djibril Sow spielen, dessen ganze Klasse in diesem einen Spielzug gipfelte: der direkte Absatzpass auf Hoarau ist an Genialität kaum zu überbieten. Und wenn Guillaume alleine vor dem Tor steht, trifft er die Lücken wie kein zweiter. Das Unentschieden zur Pause war verdient, aber hart erarbeitet.

Während der Pause wurde klar, was sich zuvor leider abgezeichnet hatte: von Ballmoos, nach einem Rencontre mit Bakayoko getroffen, blieb in der Kabine. Dass aber mit Wölfli ein weiterer Mannschaftspfeiler auf dem Bitz stand, liess ein gutes Gefühl für die zweite Halbzeit aufkommen, umso mehr Seoane regelmässig die richtigen Pausenworte findet.

So auch am Sonntag: die Mannschaft der zweiten Hälfte hatte wenig zu tun mit derjenigen der ersten 45 Minuten, obwohl Wölfli der einzige Neue war: YB zeigte wieder Spielwitz, dominierte die Espen und schnürten diese minutenlang in der eigenen Hälfte ein. Bis Tafer wieder einen Ball an seinen Füssen hatte. Sein Zuspiel glänzte dieses Mal von Klasse, der Ball in die Tiefe war perfekt gespielt. Die aufgerückte YB-Abwehrreihe sah dabei ganz alt aus; Ashimeru stand in der 65. Minute allein vor Wölfli und diesen ereignete das gleiche Schicksal wie seinen Vorgänger: beim ersten gefährlichen Schuss bezwungen, auch er dabei chancenlos.

Durch den erneuten Rückstand musste Seoane personell reagieren: er ersetze innert 10 Minuten zwei Spieler, erst Lauper mit Ngamaleu, womit die Gelbschwarzen wieder im 4-4-2 aufliefen, dann den fleissigen aber glücklosen Fassnacht mit Schick. Die Wechsel zeigten gegen müde St. Galler direkt Wirkung, welch Luxus solche Spieler auf der Bank zu wissen.

Als die letzte Viertelstunde, welche den Young Boys in diesem Jahr schon so oft den Sieg einbrachte, eingeläutet worden war, fand Benito Zeit und Platz zum Flanken. Der St. Galler Spielführer Hefti wähnte sich im Volley und setzte einen gekonnten Block – blöd nur, dass Tschudi dies als absichtliches Handspiel erkannte und auf den Punkt zeigte. Was nun folgte war unglaublich: Hoarau setzte sich den Ball, welcher für einen St. Galler einen halben Millimeter zu weit vorne zu liegen schien. Er ging zum Ball und versetzte ihn deutlich nach hinten. Und Hoarau? Der liess es geschehen, lief an und versenkte. Unglaublich dieser Mann.

Natürlich reichte den Gelbschwarzen ein Unentschieden zu Hause nicht. Und mit dem Selbstverständnis eines Topteams wurde auch in den letzten Minuten alles auf die Karte Sieg gesetzt. Ein weiter Ball Mbabus, eine perfekt getimte Hereingabe Schicks und eine Fussspitze Hoaraus später lagen die Young Boys in Führung und fuhren den nächsten last-Second-Sieg ein.

Die Noten:
Von Ballmoos: 4,5
Benito: 5
von Bergen: 5
Wüthrich: 4,5
Mbabu: 4,5
Lauper: 4,5
Aebischer: 4,5
Sow: 5
Fassnacht: 4,5
Assalé: 4,5
Hoarau: 5,5
Wölfli: 4,5
Ngamaleu: 5
Schick: 5