Von Schiris, Senf und 5-Gängern

15. Januar 2010 um 09:00 von Pele in der Kategorie Gelbschwarze Karte

„Schiri“ ist ein junger und ambitionierter Schiedsrichter aus der Region. Er wird uns in regelmässigen Abständen Anekdoten aus der Welt der Regionalfussball-Schiris berichten und wird unklare Referee-Entscheidungen aus der grossen Fussball-Welt aufschlüsseln.

Als ich von Pele zum Bloggen auf dieser Seite angefragt wurde, war ich gleichzeitig geehrt und unsicher:
Darf ein Schiri sowas grundsätzlich überhaupt? Was soll ich bloss schreiben?

Meine Gedanken kamen grundlos zu Frau N.P. und der „Schnegge-Check“ bot sich an, ich entschied mich aber LJ dies zu überlassen und bin gespannt, ob er meinen Steilpass annimmt… (obwohl er in am Fanturnier immer wieder bewiesen hat, dass ihm die Ballkontrolle erhebliche Schwierigkeiten bereitet).
So belasse ich es für heute bei einigen kleinen Stories mit weniger Gehalt und werde dann versuchen in der Saison auf aktuelle Anlässe einzugehen. Jedenfalls ein „Danke“ an Pele für die Anfrage, es ist mir eine grosse Freude, hier ein wenig aus dem Leben eines Schiris plaudern zu dürfen.

Hier einige Gedanken:
Ein Einsatz in Romont bedeutet immer das grosse Bangen um die eigene Ausrüstung. Wenn man als Schiedsrichterassistent auf der Seite der Buvette im Einsatz steht, sollte der SRA 1 (Schiedsrichterassistent, d.red.) immer versuchen, den Schiri zu überzeugen, heute das gelbe Leibchen zu tragen. Es ist schlicht das einzige Leibchen, das man die ganze Saison senfverschmiert tragen kann. Das Publikum hinter dem Assistent ist so nahe am Geschehen, dass die Zuschauer beim „Wurst-in-den-Senf-Prozess“ gleich dem „Fähnlima“ eine Portion abgeben. Wenn Romont in Rückstand gerät, hat man sowieso den halben Fribourger-Senf-Vorrat am Dress… Diesbezüglich sind Matches in der Ostschweiz vorteilhaft…

Anders läuft es in Dornach: die Spiele dort sind zwar auch immer eher schwierig und sehr emotional (das letzte Mal zeigte der Schiri zehn gelbe und zwei rote unter den Augen von Uli Forte) , aber statt die Schiris während dem Spiel mit Essen zu bewerfen, servieren sie dem Trio an einem im Clubhaus reservierten Tisch einen unglaublichen 5-Gänger, egal wie das Spiel ausging. Da geht man gerne wieder hin!

Schön ist auch, wenn man in der Region Bern einen Platz betritt und es heisst: „ah super lue iz, du wieder mau, das freut mi iz, mau wieder e guete Schiri“. Nach einer Niederlage heisst’s dann: „Es isch jedes mau z gliche we du chunnsch huere gopfertammi!!!“. Ein Trainer von dieser Art (ca. 97% funktionieren so) hielt früher im Wankdorf übrigens den Kasten dicht und ich jubelte ihm dabei zu. Ich mag ihn eigentlich heute noch, aber ich glaube er wünscht sich, dass ich mich dort in einen See stürze, wo er am tiefsten ist… Das wäre übrigens noch einer fürs Donnerstags-Quiz .

Der geneigte Leser denkt sich jetzt, warum zum Teufel wird man denn eigentlich Schiri? Das kann‘s doch nicht sein, am Wochenende quer durch die Schweiz zu reisen, um ein paar Beleidigungen und ein paar Fränkli abzuholen?! Ich kann euch nur sagen, dass man es selber erleben muss, um genau nachvollziehen zu können, was der Reiz dieses HOBBYS ist. Als Schiri baust du dich an kleinen Freuden auf, man freut sich über ein „merci“ nach dem Spiel oder auf das Abklatschen mit den Kollegen in der Garderobe, nachdem ein Spiel gut über die Bühne ging. Oder die Gratiswurst (mit Senf!) am Fanclubturnier.

Ich liebe meine Herausforderung: 22 unterschiedliche Charaktere auf dem Platz, die beiden Trainercrews, Ersatzspieler, Zuschauer, Schiedsrichterinspizienten und je höher die Liga, kommt noch die Presse (in Bern sind ab der 2. Liga sind fast immer Journis dabei) : das gibt Zielkonflikte! Ausserdem können die zuvor genannten Komponenten eines Matches genau das, was ich heute mache, alle viel besser als ich und dennoch entscheiden sie sich, es nicht zu tun.

Sich innerhalb dieser Kontroversen zu bewegen (damit meine ich auch die rund 10 km Laufarbeit pro Spiel) und versuchen so gut wie möglich daraus herauszukommen, das finde ich spannend und das ist mein Antrieb, wenn ich mal wieder eine Diät mache oder am Mittwoch bei Minus 100 Grad nach dem Feierabend um 20.30 noch einen Lauf durch halb Zollikofen absolviere, weil ich ja konditionell noch fit sein sollte…

Und dann denk ich wieder an den 5-Gänger in Dornach, und meine Beine werden schneller.